Ein Hitler mit rosa Federboah ist? Ein Hitler! – Nicht alles, was rosa angestrichen wird, ist queer

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„Lieb geil!“ ist der diesjährige Imperativ des Frankfurter CSDs. Die Symbolfigur ist ein Mann in rosafarbener NS-Uniform und im Hitlerlook. Wie verschiedene andere Gruppen auch – z.B. das Jugendzentrum KUSS41, SCHLAU Frankfurt und das autonome Schwulenreferat – finden wir dieses Motto schrecklich und die ganze Aktion politisch untragbar.

„Das wird man ja wohl nochmal sagen dürfen“ – der vermeintliche Tabubruch in Worten

Dabei soll die Parole satirisch offenbar auf den „Ruck nach rechts“ hinweisen, der sich in Deutschland und darüber hinaus breit macht. Dies ist insofern begrüßenswert, als dass sich rechtspopulistische Personen und Gruppen tatsächlich immer stärkere Präsenz erkämpfen. So gehören öffentliche Kundgebungen von sogenannten „Besorgten Eltern“ und „Lebensschützern“, die gegen vermeintlichen „Genderwahn“ und Sexualaufklärung in Schulen demonstrieren, mittlerweile zum Alltag. Die AfD fährt bei Kommunal- und Landtagswahlen zweistellige Ergebnisse ein und auch die diversen Pegida-Aufmärsche vereinnahmen immer noch Woche für Woche unterschiedliche Städte. Wurde am Anfang noch hin und wieder geäußert, dass diese Erscheinungen nur momentane vorübergehende Spannungsentladungen seien – „kritische Bürger“, Protestwähler_innen und Enttäuschte, die sich schon wieder besänftigen lassen würden – hat sich diese Hoffnung mittlerweile als eindeutig falsch erwiesen.

Stattdessen sehen wir Woche für Woche Talk-Shows mit AfD-Politiker_innen, die emphatisch lamentieren, dass sie nur das aussprechen würden, was „die Mehrheit der Bevölkerung“ eh denke. Ihnen sei es zu verdanken, dass man nun „endlich wieder sagen kann, wie es wirklich ist“. Doch nicht nur AfD-Politiker_innen, erklären uns immer wieder, dass Toleranz ihre Grenzen habe. Auch an vielen anderen Stellen ist zu hören, dass es widerlich sei, wenn sich Homosexuelle auf der Straße küssen, dass das Boot voll sei, dass Aufklärungsprojekte in Schulen “unsere Kinder” frühsexualisieren, dass die natürlichen Geschlechterrollen wieder etabliert werden müssen, dass muslimische Menschen in Deutschland nichts zu suchen hätten, dass der Einfluss der Jüd_innen viel zu groß sei, dass auf Geflüchtete geschossen werden müsse, dass trans* Personen krank seien, dass wir „uns“ vor all diesen „Fremden“, „Anderen“, „Perversen“ schützen und gegen sie verteidigen müssten – das wird man ja wohl alles nochmal sagen dürfen. Nein, darf „man“ nicht. Keine Toleranz gegenüber Intoleranz. Gegenüber Hass. Gegenüber Mord.

… und zunehmende Gewalt gegen Geflüchtete, Queers und andere „Andere“ auf der Straße

Die Gewalt gegen Geflüchtete, Queers und andere „Andere“ war nie weg – Rassismus, Homo- und Transfeindlichkeit, Nationalismus, Hass auf alles vermeintlich Fremde ist nicht neu. Dennoch verschärft sich seit einigen Jahren der Ton und werden die Grenzen des Sagbaren deutlich, merklich und nachhaltig verschoben. Und es bleibt nicht bei Worten; trans* Frauen werden ermordet und Geflüchtetenheime angezündet. Doch auch all die Worte, die vermeintlich nur das ausdrücken “was man endlich wieder sagen darf” – ob gesprochen in Talkshows, auf der Straße, in der Schule oder auf der Arbeit; ob geschrieben in Zeitungen, bei Twitter oder in Kommentaren bei Facebook – sind nicht wirkungslos. Wenn sich trans* Personen jeden Tag anhören müssen, sie seien falsch, krank oder pervers – dann macht das etwas mit diesen Menschen und mit ihren Lebensrealitäten. Wenn People of Color in diesem Land immer wieder gesagt bekommen, sie gehörten nicht hier her, dann verändert das ihr Leben jeden Tag. Wenn all das wieder sagbar ist und immer wieder gesagt wird, dann ist dies eine alltägliche Bedrohung für all jene, die „fremd“ oder „pervers“ sind – so wird immer wieder manifestiert, dass die Möglichkeit Gewalt zu erleben allgegenwärtig ist. Dass dabei auch queere Nachtclubs und Kneipen keinen Schutzraum bieten können, hat der Massenmord bei der „Latin Night“ im Club „Pulse“ in Orlando der queeren Szene auf erschütternde Weise erneut vor Augen geführt und wieder gezeigt, dass es sichere Orte für sie tatsächlich nicht gibt.

Spektakel der „geilliebenden“ Paradiesvögel – was will dieser CSD?

Auf all diese Missstände kann jedoch nicht durch nationalsozialistische und autoritäre Symbolik hingewiesen werden. Auch der Vergleich von der CSD-Orga mit „Charlie Chaplin, Mel Brooks, Dani Levi [und] Walter Moers“, die sich ebenfalls auf satirischer Weise nationalsozialistischer Rhetorik bedienten, hinkt. Denn diese organisierten keineswegs volksfestähnliche Massenveranstaltungen wie es der Christopher Street Day in Frankfurt ist. Nicht zuletzt sollte es zu denken geben, dass Charlie Chaplin damals sagte, er bereue es, dass sein Film „Der große Diktator“ (auf diesen bezieht sich die CSD Orgagruppe u.a.) so lustig gewesen sei. So sagte er Jahre später, dass er den Film niemals in dieser Form gemacht hätte, wenn er von den Verbrechen der Deutschen und dem Massenmord in den Konzentrationslagern gewusst hätte [1].

Was soll hier eigentlich durch die Naziperformance „entlarvt“ werden? Dass Deutsche es immer noch „lieben“, wenn ein Führer ihnen sagt, was zu tun ist? Dass bei Bockwurst und Weizen oder einem Gläschen Sekt ein mit verstellter Stimme gerufenes „Lieb geil“ einfach über die Lippen geht?

14512716408_8972a8f0d9_kAlle CSDs versuchen ein Versprechen abzugeben. Zumindest einmal im Jahr können „wir“ einmal so sein, wie „wir“ sind. Queere Menschen sollen in der Öffentlichkeit „frei“ ihre deviante Sexualität und/oder Geschlechtsidentität darstellen können. Dieses Versprechen verkommt leider allzu häufig zu einem Spektakel, in dem es eher darum geht, diese – also uns – absurden Paradiesvögel auch einmal live zu sehen. Auch wenn das Durchbrechen des tristen heterosexuellen und geschlechtlich-dichotomen Alltags durchaus zu begrüßen ist, darf die Veranstaltung nicht überschätzt werden. Sie ist die Nische, in die die Queeren gepresst werden. In einem eingehegten Rahmen kann „sexuelle Freiheit“ konsumiert werden. Durchorganisiert folgt Parteiwagen auf Unternehmenswagen auf Wagen der Polizei. Spontanität, Abweichung – also ein wenig Befreiung von gesellschaftlicher Rigidität – ist zu vermissen. Stattdessen sollen wir „schrill“ und „bunt“ sein, und scheinbar auch seit neuestem besonders „geil lieben“.

Der diesjährige CSD in Frankfurt am Main spricht mit dem „Ruck nach rechts“ ein wichtiges Thema an. Darauf hinzuweisen, dass es innerhalb der Öffentlichkeit wieder problemlos vertretbar ist, dass Toleranz und Hilfsbereitschaft ihre Grenzen habe – und zwar insbesondere gegenüber „Fremden“ und „Perversen“ – beeinflusst deren Leben nachdrücklich. Aber auch die Szene darf nicht in eine rassistische Falle tappen, sondern muss gerade ihre eigenen Ausschlussmechanismen und Privilegien thematisieren und bekämpfen. Eine Community, die nicht rechts sein möchte, kann sich nicht darauf beschränken, Offenheit zu suggerieren, sondern muss sich auch aktiv verändern.

Nationalsozialistische und autoritäre Symboliken, in Party, Glitzer und Regenbogen eingebettete Reproduktionen faschistischer Ästhetiken, Sprechweisen und Praktiken tragen jedoch nicht dazu bei, die erstarkenden rassistischen, homo- und transfeindlichen, geschlechter-konservativen und antisemitischen Strukturen zu benennen und zu bekämpfen. Vielmehr wird so der CSD (auch nicht zum ersten Mal) zu einem Ort, der die alltägliche Gewalt, der Queers im öffentlichen und privaten Raum immer wieder ausgesetzt sind, verdeckt und einhegt anstatt sie und ihre Ursachen ernsthaft zum Thema zu machen.


Update:
Der CSD Frankfurt hat sein Motto nun in “Liebe gegen Rechts” geändert. Dies halten wir für sehr begrüßenswert. Nichtsdestotrotz ist darauf hinzuweisen, dass diese Änderung nur durch erheblichen politischen Druck durchgesetzt wurde. Unser Text geht in Teilen über das konkrete Motto hinaus, weswegen wir ihn weiterhin online stehen lassen.


[1] “Chaplin was not a Jew, but had a Jewish girlfriend, the actress Paulette Goddard (who is also in the film), and he said: ‘I was determined to go ahead, for Hitler must be laughed at. Had I known of the actual horrors of the German concentration camps, I could not have made The Great Dictator, I could not have made fun of the homicidal insanity of the Nazis.'” (“Holocaust and the Moving Image – Representations in Film and Television Since 1933”, Toby Haggith and Joanna Newman 2005: 196)

 

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3 Comments Add yours

  1. audiohoelle says:

    Ist das Thema noch aktuell? Ich finde weder auf der CSD-Homepage noch auf Facebook was zu “Lieb Geil”. Leider enthält dieser Artikel auch keine Links. Die Facebookseite zur Veranstaltung zeigt nur den Schriftzug “We are Orlando”.

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    1. SUQffm says:

      Nein, es ist tatsächlich bereits nicht mehr aktuell. Der CSD Frankfurt hat sein Motto gestern Abend noch in “Liebe gegen Rechts” geändert. Wir haben dazu ein Update am Ende unseres Beitrags hier eingefügt.

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